Wigwam, Werkstatt – Werkstatt, Wigwam

von in Begegnungen am 19.10.2017

Werkstätten für Menschen mit Behinderung sind nicht inklusiv, bieten einfache und stumpfsinnige Arbeit und das an trostlosen Orten? Der Schichtwechsel-Aktionstag der Landesarbeitsgemeinschaft Werkstätten für behinderte Menschen (LAG WfbM) und den Berliner Werkstatträten (BWR) – die Interessenvertretung der Werkstattbeschäftigten – sollte mit diesen überholten Vorurteilen aufräumen. Wir lieferten das Konzept und Gestaltung der dazugehörigen Kampagne, designten und programmierten die Webseite und führten Coachings mit den Beschäftigten der Werkstätten durch, in denen wir sie dabei unterstützten, in Texten, Fotos und Videos aus ihrer Perspektive über die Arbeit dort zu erzählen.

Am 12. Oktober 2017 schließlich tauschten erstmals Mitarbeitende aus Berliner Unternehmen für einen Tag ihren Arbeitsplatz mit Beschäftigten der Werkstätten. Klar, dass auch Wigwam am Aktionstag teilnahm: Während unser Designer Mathias Unterstützung der Mediengestalterin Dietlinde von Integral Berlin bekam, arbeitete unsere Designerin Julia einen Arbeitstag im dortigen Druck- und Kopierservice. Und so haben sie den Tag erlebt:

Werkstatt > Wigwam

von Mathias Topp

Beim ersten Schichtwechsel hat sich Dietlinde von Integral Berlin bei Wigwam angekündigt. Da ich aus dem Kennenlerngespräch wusste, dass Dietlinde Mediengestalterin ist, war ich natürlich umso neugieriger.

Unser gemeinsamer Tag begann um 10 Uhr mit einem Kaffee und einer kleinen Führung, das meiste hatte ich schon bei unserem ersten Treffen gezeigt. Ich war selbst sehr interessiert an Dietlindes Arbeit bei Integral, sodass wir am Vormittag im Grunde nur gequatscht haben. Nebenbei haben wir mit 2 Kolleg*innen für alle groß Mittagessen aufgekocht. Unseren täglichen Help-Desk haben wir an diesem Tag erweitert, indem jede*r noch einmal erzählt hat wie er/sie heißt, welchen Tätigkeitsbereich er/sie hat und woran gerade gearbeitet wird.

Nach einem gemeinsamen und gemütlichem Mittag mussten wir aber auch endlich an die Arbeit. Ich habe Dietlinde gebeten, einen Flyer für die Grünen Niedersachsen zu bauen und war durchaus überrascht wie sicher sie sich in Indesign bewegte und die Aufgabe tadellos meisterte. Genau um diesen Effekt sollte es beim Schichtwechsel ja auch gehen!

Um 16 Uhr verabschiedete sich Dietlinde dann in der Feierabend. Im nächsten Jahr möchte ich gerne selbst tauschen und die andere Perspektive einnehmen.

Wigwam > Werkstatt

von Julia Kontor

Die Möglichkeit, einen Tag meinem Computer fernzubleiben und mit anderen Menschen zusammen zu arbeiten und gleichzeitig zu erleben, wie der Schichtwechsel-Tag letztendlich abläuft, nachdem ich sonst nur im Büro nebenbei von dem umfangreichen Prozess gehört habe, schien mir eine klare Sache. Ohne genaue Vorstellungen habe ich mich auf den Tag gefreut.

Nach dem ersten Schock des unglaublich zeitigen Arbeitsbeginns (7:30 Uhr!) bei Integral wurden wir Schichtwechsler (8 Menschen: 3 Lehrerinnen, 1 Polizist, 1 Tänzer, 2 Siemens-Mitarbeiter und ich) mit einem Frühstück erfolgreich besänftigt, während der Werkstattleiter einen sehr ausführlichen und guten Einblick in die Werkstätten und die Hintergründe des Schichtwechsel-Tags gab. Die Anwesenden kannten das alte, vorurteilsbehaftete Klischeebild der ausbeutenden Werkstätten (Mitarbeiter klein halten, den Sprung in den Arbeitsmarkt erschweren, um billige Arbeitskräfte zu halten), waren aber mit dem Gedanken gekommen, dass bei so einer Transparenzoffensive keines der alten Bilder wirklich zutrifft. Wir waren gespannt!

Jeder von uns bekam einen Paten für den Tag zur Seite gestellt. Im Druck- und Kopierservice habe ich Martin kennengelernt, der voll im Bilde war und mir gleich alles gezeigt hat. Nach einem ersten kleinen Arbeitseinsatz und der Begrüßung der Kollegen führte mich Martin durch das gesamte Haus. Die Tour wurde dabei immer wieder unterbrochen von kleinen Schwätzchen und Flurgeschichten.

In den unterschiedlichsten Bereichen können die Leute hier arbeiten, von der Konfektionierung, über Verpackungsfertigung, Metallbearbeitung, bis zur Grünflächenpflege. Außerdem gibt es begleitende Angebote wie Sport und Lehrunterricht. Es wird in aneinander folgenden hellen Räumen mit kleinen Gruppen gesägt, sortiert, geklebt, geschraubt, gezählt, verpackt, gedruckt, aussortiert – und das je nach Fähigkeit und Fertigkeit. Alle arbeiten zusammen. Aufgaben werden in ihre Einzelteile zerlegt, so dass jeder Teil eines Prozesses sein kann. Martin kennt fast alle im Haus und hat viele Geschichten auf Lager, denn er hat schon in einigen Bereichen gearbeitet. Aber sein Druck- und Kopierservice ist mit Abstand der beste Bereich mit den coolsten Leuten, sagt er. Das merkt man! Ich fühle mich wie in der Schule und weiß recht schnell über kleine Liebschaften Bescheid.

Auch in der Pause hing die Gruppe zusammen. Nach der Mittagspause gab es eine Fragerunde mit dem Polizist und am Nachmittag nahmen wir an einem kleinen Tanzkurs teil. Helle Euphorie nach den schnellen Tanzeinlagen trug sich in die Nachmittags-Arbeitsphase. Während gerade auf eine Zulieferung gewartet wurde und es nichts zu tun gab, erzählte die Runde um Martin, was sie so alles schon produziert haben und waren dabei sichtbar stolz auf ihre Arbeit – vor allem wenn sie die Produkte draußen oder in Läden entdecken. Ich fragte mich, wie es meiner Tauschpartnerin an meinem Platz in unserem Büro geht. Hier jedenfalls ist eine schöne Stimmung und ich werde gefragt, ob ich nicht einfach hier weiter arbeiten will. Es fiel mir schwer, das abzulehnen. 

Bei Kaffee und Kuchen wurden Erfahrungen des Tages ausgetauscht und ausgewertet. Alle Schichtwechsler waren positiv gestimmt und wünschten sich, dass dieser Tag eine feste Instanz wird, damit auch ihre Kollegen und Kolleginnen – und vor allem die Vorgesetzten – im nächsten Jahr ähnliche Erfahrungen machen können, um den Austausch zu stärken. Ich fürchte wir können nicht mehr in Vorurteile flüchten, der Tag hat in Berlin ganz schön an dem alten Bild gerüttelt. Das sollte deutschlandweit umgesetzt werden!

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