9360 Minuten Kamerun oder: Schwarz-Weiß-Denken auf dem Prüfstand.

von in Begegnungen am 19.05.2014

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Draußen tobt ein wilder Sturm, der an den Lamellenfenstern rüttelt. Wer noch auf der Straße ist, rennt so schnell er kann zu seinem Haus oder irgendeinem Unterschlupf. Ich beobachte die Szene von drinnen und begreife ansatzweise, was es heißt, in einer der regenreichsten Regionen der Erde zu wohnen – aber teilweise weit entfernt von westlichen Standards zu leben. Die Rede ist von Buea, Kamerun, wo Malte und ich gerade Material für ein Kampagnenvideo sammeln.

Unsere Gastgeber sind zwei deutsche Freiwillige, bei denen wir zum Glück auch heute Abend ein festes Dach überm Kopf finden. Dass auch ihr Bücherregal die schwüle Hitze nicht recht durchhalten mag – nicht mehr als eine tropische Anekdote. Unsere Film-Ausrüstung hat heute immerhin den vierten Tag schadlos überstanden. Bei gefühlt stetig 80-prozentiger Luftfeuchtigkeit und Temperaturen um die 30 Grad keine Selbstverständlichkeit.

Diese Frage haben wir uns auch gestellt, als wir nach einem Abend im Club die schwüle Hitze der Nacht mit einem Motorrad-Taxi durchschnitten und den kamerunische Lärm so weit hinter uns gelassen haben, dass ein kurzes Innehalten möglich war.

Aber nochmal zurück: Was machen wir eigentlich hier? Diese Frage haben wir uns auch vorletzte Nacht gestellt, als wir nach einem Abend im Club auf einem Motorrad-Taxi nach Hause sausten und der kamerunische Lärm so weit verstummt war, dass ein kurzes Innehalten möglich war. Die Fakten: Wir sind im Auftrag unseres Kunden Bezev hier, ein Verein zur Förderung von Menschen mit Behinderung in der Entwicklungshilfe. Für die Kampagne „Weltwärts – alle inklusive“ besuchen wir zwei Personen vor Ort, die wohl die besten Botschafter für dieses Thema sind. Till und Julia haben beide einen Schwerbehinderten-Ausweis und benötigen Hör- bzw. Sehhilfen. Vor allem aber treibt sie die ganz normale Neugierde in die Fremde.

Till, der ohne Hörgeräte kaum hohe und mittlere Frequenzen hören kann, unterrichtet in einer Schule für Gehörlose. Für ihn schlägt das Jahr im Ausland gleich eine doppelte Brücke: eine zur Lebenswelt eines Entwicklungslandes, eine weitere zur Gehörlosen-Community, die ihm in Deutschland bisher verborgen blieb.
Julia arbeitet bei einer NGO, die Frauen in der Region unterstützt und weiterbildet. Ihre Sehbehinderung besteht darin, dass sie die Welt nur in Grautönen sehen kann und sehr sonnenempfindlich ist. Doch wer meint, darin einen Hinderungsgrund für ein Jahr in Schwarzafrika zu erkennen, liegt bei Julia völlig daneben. Sie habe vor allem genervt, 12 Flaschen Kontaktlinsen-Flüssigkeit mitnehmen zu müssen. Alles andere sei doch kein echtes Problem.

Kamerun_eindruck

Also gut, wenn unsere Testimonials so wenig klischeehaft mit ihrer Behinderung umgehen, wollen wir das genauso machen. Und zwar sowohl in Bezug auf die Behinderung als auch auf den Bereich Entwicklungshilfe. Doch immer wieder stellt uns dieses Vorhaben vor neue Herausforderungen. Zeigen wir, wie Julia der blinden Frau den Sack Reis übergibt? Ist es für das Video relevant, dass Till sich sicherer in der Welt der Hörenden als in der Welt er Gehörlosen bewegt? Und wie viel Drama braucht es, um andere Freiwillige mit und ohne Behinderung für das Westwärts – alle inklusive-Programm zu begeistern?

Das Ergebnis dieses Spagats werdet ihr in den nächsten Wochen sehen. Und während der Sturm nun in einen sanften Regen übergeht, hören wir uns noch einmal die aufgenommenen Gesänge der letzten Tage an und genießen die vielen eindrucksvollen Bilder um uns herum. Aus mindestestens zwei neuen Perspektiven.

Ein Kommentar

  • Jean Peters sagt:

    Hey Maike,

    All mein Respekt, da wagt ihr euch an ein echt sehr spannendes Thema ran. Ich bin da nicht so tief drin, und vermutlich hast du dir das hier schon längst angeschaut: ich empfehle die Arbeit von Grada Kilomba der Gruppe http://www.whitecharity.de – die haben dort viele wertvolle Reflektionen zum Thema der Repräsentation von Schwarzen in Deutschland und der Charitywelt. Dann bin ich noch ganz großer Fan von Martin Kirk von ehemals Oxfam, den kennst du bestimmt auch. Ein Beispiel: Er emfiehlt eine detaillierte linguistische Analyse und erkannte, dass bei Oxfams Broschüren diejenigen, denen geholfen werden sollte, mit Vornamen beschrieben wurden – was infantilisierend wirkte. Ich habe mir mal Charity Water angesehen – die sind ganz schlimm! – dort ist das Storytelling immer so, dass diese „wunderschönen afrikanischen Frauen“, die „so faszinierend sind“ etc… da seid ihr offensichtlich schon viel viel weiter!!! Also: weiter so, ich ziehe meinen Hut!

    Herzlich,

    jean

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