Eine Reise zum Mond und wieder zurück

von in Methodik am 03.08.2015

Wigwam auf dem Weg zur eigenen Wirkungsstrategie

Kennt ihr das, wenn man vor lauter tagtäglicher Arbeitsroutinen und Projekten eigentlich gar nicht mehr das große Ganze, die Fackel im Wind, das Ziel aller Anstrengungen sehen kann? Wenn zwischen kontinuierlicher Projektarbeit und dem Ziel, gesellschaftlichen Wandel zu leisten, ganz viel unausgesprochene Annahmen und Ideen umherschwirren, aber nur wenig davon konkret festgehalten ist? Wir auch.

Zum Glück unternehmen wir alle drei bis vier Monate unsere heiß geliebten Strategieurlaube nach Brandenburg. Ein Ort, drei Tage, 25 Menschen – und viel Zeit, über all das zu sprechen, was sonst auf der Strecke bleibt. Eines Teamausfluges, im Februar dieses Jahres, wurde so auch die Idee geboren, ein Wirkungsmodell für das Wigwam zu erarbeiten. Ein Wirkungsmodell ist ein komplexitätsreduzierender Ansatz, der die vier Ebenen Input, Output, Outcome und Impact beleuchtet. In anderen Worten: den Einsatz von Ressourcen, die Leistungen, die eine Organisation anbietet, sowie die Veränderung, die damit bei der jeweiligen Zielgruppen bzw. der Gesellschaft als ganzes erreicht werden soll. Es erforscht damit also umgekehrt gedacht die Frage, welche gesellschaftliche Wirkung eine Organisation erreichen möchte und wie sie das mit ihrer täglichen Arbeit umsetzen kann.

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Obwohl ich selbst diese Methodik bisher nur aus der Entwicklungszusammenarbeit und durch NGOs kannte, entschlossen wir uns kurzerhand, diesen Ansatz auch bei uns als Agentur auszuprobieren. Für die Auseinandersetzung mit unserer Vision, unseren gesellschaftlichen Zielen und für exakte Begriffsdefinitionen holten wir uns die Critical-Thinking-Expertin Maren Drewes dazu. Gemeinsam starteten wir als extern-internes Wirkungs-Gespann und Moderatorinnen in den Prozess. Mit der eigens dafür gegründeten Arbeitsgruppe erarbeiteten wir die verschiedenen Prozessstufen, die wir immer wieder im großen Wigwam-Kreis vergemeinschafteten.

Der Prozess

Mit dem Wirkungsmodell begann für uns eine Reise zum Mond und wieder zurück, die uns ganz neue Perspektiven eröffnete. In mehreren Treffen widmeten wir uns erst einmal der gesamt-gesellschaftlichen Ebene. Wo sehen wir gesellschaftliche Probleme und wie definieren wir Lösungen dazu? Im nächsten Schritt identifizierten wir Gesellschaftsgruppen, die wir als wichtige Multiplikatoren für unsere Lösungsannahmen sehen. Und zu guter Letzt entwickelten wir, wie wir diese unterschiedlichen Gruppen und Menschen unterstützen könnten – so, dass wir gemeinsam auf eine lebenswerte Zukunft hinwirken können. Es folgten Workshops, in denen wir uns erneut den unterschiedlichen Stufen zuwandten, visualisierten, kommentierten, verwarfen und umformulierten. Mit der Zeit schrumpften die Flipchart-Papierberge, während die Ergebnisse genauer wurden und sich eine übergreifende Perspektive auf uns und unser Wirken ergab.

IMG-20150803-00082So haben wir beispielsweise unsere Zielgruppen-Plakate, die zwischenzeitlich zu einem beachtlichen Sammelbecken für Ideen und Feedback wurden, zurück in einen übersichtlicheren Arbeitsstand destilliert.

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Die Learnings

Seit dem Teamausflug im Februar 2015 haben wir es mittlerweile zu einer Alpha-Version unseres Wirkungsmodells gebracht, worauf wir durchaus stolz sind! Die Reise dorthin war zuweilen anstrengend und verwirrend. Aber sie hat unseren Horizont vergrößert und uns dazu gebracht, strategische Meta-Ebene und operationale Handlungsweisen miteinander auf ein Stück Papier zu bringen. Die „Mond-Perspektive“ lässt so manches in einem anderen Licht erscheinen: Was ist eigentlich „das Gute“? Welche Positionen und Rollen haben unserer Ansicht nach Wissenschaftler, Politikerinnen und Kulturschaffende in der Gesellschaft? Und wie stehen wir zum Begriff der Bedürftigkeit? Solchen und ähnlichen Fragen spürten wir einmal bis zum innersten Kern nach.

Um sich in diesem “Tiefbohrungs-“Prozess nicht selbst zu verlieren, braucht es jede Menge Selbstdisziplin und Moderation. Besonders wichtig ist es auch, die Multiplikatoren da draußen mit in den Prozess zu holen – schließlich wissen sie selbst am besten, was sie brauchen, um selber wirksam zu sein. Mit diesem Ziel luden wir Ende Juni zum 5. Ideendinner im Wettbureau ein. In kleinen Runden wurde bei leckerem Essen darüber gebrütet, welche Konsequenzen unsere Wirkungsthesen für die einzelnen Multiplikatoren-Gruppen haben. Aus den Diskussionen entstanden viele lehrreiche Ergebnisse, die wir mit in die weitere Modell-Arbeit nahmen.
Wirkungsmodell Ideendinner

 

Die Reise geht weiter

Nachdem nun das Modell in seiner ersten Version steht, geht der Prozess der Operationalisierung und inhaltlichen Verfeinerung weiter. So nutzen wir die Ergebnisse aus dem Wirkungsmodell für unsere eigene Kommunikationsstrategie – to be released! Um das Wirkungsmodell auch handlungsleitend für unsere internen Abläufe zu machen, benennen wir Prinzipien, die unsere Wirkungshaltung widerspiegeln. Und auch die Projektauswahl und -evaluierung soll auf unserem Wirkungsmodell basieren. So können wir transparent machen, warum wir mit wem wie zusammenarbeiten und nach Projektabschluss gegenprüfen, ob wir auf dem richtigen Weg sind. Wir schauen uns jedes Projekt nicht nur im Hinblick auf Abläufe, Qualität und Ziele an, sondern reflektieren auch das Wirkungsmodell selbst immer wieder von Neuem. Mit Fug und Recht können wir behaupten: Wir lernen – nicht nur fachlich in den Projektteams, sondern auch als Organisation! Und wer behauptete eigentlich nochmal, dass Lernen keinen Spaß macht?! 🙂

Nun, da wir selbst den Entwicklungsprozess durchlaufen haben, möchten wir Mut machen, eine ähnliche Reise zu wagen! Schon jetzt hat uns das Wirkungsmodell dabei geholfen, unsere praktische und strategische Arbeit zu orientieren und als Unternehmen qualitativ zu wachsen.

Habt ihr euch auch schon mit eurer gesellschaftlichen Wirkung auseinandergesetzt und habt Lust, Erfahrungen auszutauschen? Sucht ihr Verbündete in der Sache, habt Fragen zum Wirkungsmodell oder wünscht Hilfe bei der Prozessgestaltung und Moderation? Wir wirken gerne mit euch und sind auf allen bekannten Kanälen erreichbar.

 

4 Kommentare

  • Liebe Leena, wir sind auf dich und deine Arbeit durch deine Eltern aufmerksam geworden, die wir in Furtwangen kennengelernt hatten – zu einem Zeitpunkt als es dich noch nicht gab. Seit über 20 Jahren wohnen wir bereits in Brandenburg, wobei unser Garten in Sommerfeld bei Kremmen mittlerweile überregional bekannt ist.
    Ganz überraschend riefen deine Eltern bei uns Ende letzten Jahres an, weil sie von uns durch Zufall erfahren hatten. Es hat dann noch eine Weile gedauert, bis wir an die Informationen gelangten, um zu verstehen, was deine Arbeit, die uns sehr neugierig machte, ausmacht. Nachdem ich euer Wirkungsmodell und dessen Fragestellungen kennengelernt habe, das ich aufgrund meiner eigenen Arbeit sehr gut nachvollziehen kann, möchte ich euch beglückwünschen – es macht mich stets glücklich und hoffnungsvoll, wenn ich sehe, dass eine neue Generation heranwächst, die ohne Netz und doppelten Boden für mehr gesellschaftliche qualitative Entwicklungen steht, statt jeden akademischen Unsinn nur aus Gründen der eigenen Karriere willen mitzumachen. Euer Wirkungsmodell hat sehr viel mit meiner „Quantenversion der Gestaltung“ gemeinsam, worüber Ende letzten Jahres ein Buch im Peter Lang Verlag erschienen ist. Mein eigenes Motto lautet „Kunst heißt, das Unmögliche möglich zu machen. Das Vorwort stammt von Prof. Udo Weilacher TU München, der international bekannt ist und mir bestätigte, dass es auch international gesehen noch keinen vergleichbaren Ansatz gibt – entsprechend schwierig ist jedoch die Vermarktung. Näheres findest du auf unserer noch unvollendeten Webseite: www. anitabiedermann.com – falls auch du interessiert bist, würden wir uns freuen, dich persönlich kennenzulernen.

  • Leena sagt:

    Liebe Anita,
    ich freue mich, von euch zu lesen und bin neugierig darauf, mehr über Kunst und Gestaltung sowie deinen Ansatz zu erfahren. Bei unserer Konferenz im letzten Jahr (http://recampaign.de/) hatten wir Dirk Dobiéy von Age of Artists (http://www.ageofartists.org/about-us/) zu Gast und haben darüber gesprochen, wie Organisationen von Künstlern und deren Methoden und Fähigkeiten lernen können. Und auch in meiner Arbeit als Begleiterin organisationer Veränderungen wähle ich immer wieder bewusst künstlerlischer Zugänge, um den Erfahrungskanal zu wechseln und wirklich Neues entstehen zu lassen. Lasst uns unbedingt miteinander sprechen – vielleicht finden wir sogar Möglichkeiten, dich bei der Verbreitung deines Ansatzes zu unterstützen. Herzliche Grüße, Leena

    • Liebe Leena, ich freue mich sehr auf einen Austausch gegenseitiger Wertschätzung und ich bin sicher, dass wir ein gemeinsames Ziel haben. In meinem Denkansatz geht es weniger um das Neue, denn das ist stets das Alte, als sich der Mensch noch an der Ordnung lebendiger Prozesse orientierte. Das materialistische Weltbild ist jedoch geprägt durch antagonistische Betrachtungsweise, wie zum Beispiel die Trennung von Kunst und Wissenschaft, die gegeneinander gerichtete Wirkungsweisen erzielen, die stets zu ungünstigen Lebensbedingungen führen. Erst mit der Kopenhagener Deutung der Quantentheorie wurden wieder Bedingungen einer Wirklichkeit geschaffen, die eine Einheit von Kunst und Wissenschaft wieder möglich machen. Durch diese Neupositionierung eines veränderten Wirklichkeitsbereiches, der zu anderen Entscheidungsgrundlagen führt, spreche ich von „der Quantenversion der Gestaltung“. Es reicht aber nicht aus, die erforderlichen Bedingungen des entsprechenden Erfahrungsbereiches zu formulieren, um die Sicherung unserer Lebensgrundlagen möglich zu machen. Denn – wie Harald Lesch (sein neuestes Buch „Der Mensch schafft sich ab“) darauf hinweist – haben wir kein Informations- , sondern Handlungsproblem. Insofern befasse ich mich in meinem Buch genau mit dem Thema, warum wir kein Informationsproblem, sondern Handlungsproblem haben. Vielleicht verstehst du liebe Leena jetzt etwas mehr, worin die Hindernisse einer Einführung meiner Quantentheorie liegen könnten, aber warum mir dennoch frei nach meinem Motto „Kunst heißt, das Unmögliche zu versuchen“ umso mehr daran liegt. Übrigens hätte ich mit einer englischen Übersetzung viel größere Chancen – darin sind sich alle einig. Auf einen weiteren Austausch mit dir und auf eure mögliche Unterstützung freue ich mich sehr. Herzliche Grüße Anita

  • Liebe Leena, nun haben wir unsere erste gemeinsame Reise zum Mond hinter uns gebracht und unterwegs viel entdeckt – es ist einfach so wohltuend mit dir zusammenzuarbeiten – jetzt wartet viel Arbeit auf mich – und ich hoffe dann, dass sich das Ergebnis sehen lassen kann. Wir beide fragen nicht erst nach Machbarkeit – wir tun es und damit ist es machbar!

    Ich hoffe, dass noch weitere gemeinsame Reisen auf den Mond folgen – es hat sich ein großes Feld aufgetan – Innovationswissen = Erkenntniswissen – packen wir es an, um das Miteinander der Menschen über methodisches Denken zu verbessern – eine der Voraussetzungen, um sich beim Denken zuzuschauen, um uns vor falschen Dogmen zu schützen und rechthaberisch zu sein.

    In diesem Sinne möchte ich mich bei dir ganz herzlich für deine Kommunikationsberatung für mein Buch „Die Quantenversion der Gestaltung“ bedanken und ich kann dich als Kommunikationsberaterin nur wärmstens empfehlen!

    Liebe Grüße

    Anita
    http://www.anitabiedermann.com

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