Eine Kritik an der Idealisierung von Wirkungstransparenz

von in Ansicht am 09.01.2015

Die PHINEO gAG hat am 28.11.2014 im Auftrag von Spiegel Online den Transparenz-Test für 50 Top-Spendenorganisationen veröffentlicht.1 Die Rangliste bildet ab, wie transparent eine Organisation agiert. Dazu wurde untersucht, ob die Organisationen online Informationen in den Kategorien Vision & Strategie, Aktivitäten und Wirkung zur Verfügung stellen. Damit könnte es in einem nächsten Schritt passieren, dass sich Journalisten, Spender, Projektbeteiligte und andere nun mit der Wirksamkeit einzelner Organisationen auseinander setzen. Sie könnten  fundierter entscheiden, ob die Spendenorganisation dem eigenen Standpunkt entspricht und unterstützenswert ist oder ggf. eine Diskussion darüber anstoßen. Die Studie ist insofern löblich, als PHINEO die Spendenorganisationen zur Reflexion der eigenen Arbeit drängt und sie dazu erzieht, die eigene Wirkungsweise überhaupt zu definieren. So wird erst die Grundlage für eine mögliche Bewertung geschaffen. Umso mehr bin ich darüber verwundert, dass allein die Transparenz als eigenes Bewertungskriterium ausreichen soll, um ein großes Ranking zu veröffentlichen.

Transparenz wofür und wogegen

PHINEO erläutert auf dem Firmenblog, dass Transparenz Vertrauen schaffe.2 Das ist ein kausaler Zusammenhang, der mir nicht logisch erscheint. Transparenz an sich ist erstmal weder gut noch schlecht. Entscheidend ist allein, wofür oder wogegen und in welchem Maße Transparenz verwendet wird. Prozesse und Ergebnisse transparent zu kommunizieren dient beispielsweise dem Zugang zu Wissen und ermöglicht somit eine breite Beteiligung. Das ist für demokratische Prozesse außerordentlich wichtig. Häufig ist Transparenz aber einfach ein Mittel der Kontrolle. Auch hier ist aber entscheidend, wer wen und warum kontrolliert. Wenn sich Organisationen Ziele zur Verbesserung der Gesellschaft setzen und in diesem Zusammenhang Projekte organisieren und Gelder verwalten, sollten sie daraufhin auch überprüft werden können. Es wird an dem Punkt besorgniserregend, an dem Transparenz zur Ideologie totalisiert wird, wie es Byung-Chul Han über die Transparenzgesellschaft schreibt. Weiterhin heißt es dort: „Die Forderung nach Transparenz wird gerade da laut, wo kein Vertrauen mehr vorhanden ist. Die Transparenzgesellschaft ist eine Gesellschaft des Misstrauens, die aufgrund des schwindenden Vertrauens auf Kontrolle setzt. An die Stelle der wegbrechenden moralischen Instanz tritt die Transparenz als neuer gesellschaftlicher Imperativ.“ 3

Der neue ökonomische Imperativ

Nun ist es höchst interessant, mit welchen Begriffen die von PHINEO empfohlene und getestete Wirkungstransparenz in Zusammenhang gebracht wird. Auf ihrer Seite wird erklärt, dass Wirkungstransparenz viele Vorteile hätte: „Die Öffentlichkeit kann besser nachvollziehen, wie ihre Steuergelder verwendet werden oder warum eine gemeinnützige Organisation Steuervorteile genießt.“  Dass die transparente Arbeitsweise Vertrauen erzeuge, bezieht sich vor allem auf „Geldgeber, potenzielle Sponsorinnen sowie die Zielgruppe“, wobei nicht ganz klar wird, wer hier als Zielgruppe gedacht wird. Außerdem ließe sich auch nach innen Transparenz nutzen, um die „Identifikation“ der MitarbeiterInnen mit der Organisation, die „Effektivität“ und „erbrachte Leistungen“ zu steigern, so dass die „Leitungsebene […] deutlich zielgerichteter steuern“ kann. Und am Ende steht die „bessere Wettbewerbsfähigkeit“.2 Eine Geschichte wie aus dem Bilderbuch des Kapitalismus. Die Wirkungsstudie von PHINEO bietet sich als bestes Beispiel für Byung-Chul Hans These an, dass „der Zwang zur Transparenz […] letzten Endes kein ethischer oder politischer, sondern ein ökonomischer Imperativ “ ist.3

Transparenz für den Konsummensch ohne Moral?

Im Ranking der transparentesten Spendenorganisationen ist nicht zu lesen, wie die verbesserte und engagierte gute Gesellschaft jetzt eigentlich aussehen soll und was bei der ganzen Wirkung hinten rauskommt. Hauptsache es gibt Wirkung, wo, wie und in welche Richtung wird nicht weiter behandelt. Zusätzlich empfiehlt PHINEO das Ranking in der Anleitung „Richtig spenden“, die dabei helfen soll, sich für die „richtige Organisation“ zu entscheiden.4 Die Transparenz allein kann und darf aber meiner Meinung nach kein Kriterium für die moralische Bewertung einer Organisation sein. Die Gefahr scheint sonst gegeben, den Menschen in dieser Perspektive vor allem als konsumierendes Wesen zu sehen: zwar mit Geld ausgestattet, aber ohne Zeit, ohne Moral und ohne Intellekt. Wie kann aber so Zivilgesellschaft funktionieren und wirken? Und ist das die Gesellschaft, die von den getesteten Organisationen angestrebt wird?

Im Gegensatz zum Ranking ist die Kritik an der Ökonomisierung der NGO-Welt nicht neu. Bereits im März 2014 besprach Malte in Das gute Helfen anlässlich der Konferenz beyond aid die Entpolitisierung von Hilfsprojekten. Ein zentraler Kritikpunkt bestand aus seiner Sicht darin, „dass auf die NGO Welt angewandte Instrumente wie der Zwang zu Messbarkeit und Effizienz unmöglich zu einer nachhaltigen Veränderung der Lage beitragen können, die durch ebendiese Strukturen erst global entstanden ist.“

In diesem Sinne sollen meine Fragen weniger ein Angriff auf die konkrete Studie von PHINEO sein als ein allgemeines Nachdenken darüber anregen, wie und warum wir arbeiten und uns engagieren.

Quellen:
1 http://www.spiegel.de/wirtschaft/soziales/spenden-ranking-so-transparent-arbeiten-50-grosse-organsiationen-a-1003065.html
2 http://www.phineo.org/themen/mehr-transparenz
3 http://www.zeit.de/2012/03/Transparenzgesellschaft
4 http://www.phineo.org/themen/richtig-spenden

Ein Kommentar

  • Micha sagt:

    Hej Wera,

    vielen Dank für Deinen Artikel. Ich finde, Du folgst einer spannenden Argumentation, verstehe allerdings nicht alle Zusammenhänge zwischen Deinen Argumenten vollständig. Es wäre schön, mehr zu erfahren.

    Ich habe mich ausgiebig mit Wirkungsorientierung und auch mit dem Fall PHINEO auseinander gesetzt. Nach langer Analyse bin ich für mich zu dem Schluss gekommen, dass diese gAG eine echt tolle Arbeit macht, wenn es darum geht, Wirkungsorientierung als neues Steuerinstrument in Organisationen zu etablieren. Im „Kursbuch Wirkung“ (https://www.phineo.org/fuer-organisationen/kursbuch-wirkung/) zum Beispiel erklären sie, wie wichtig es für eine Organisation ist, sich nach der Bedürfnissen seiner Zielgruppe zu richten („wirken für“), und inwieweit ein wirkungsorientiertes Management diesem zuträglich sein kann. Im Kursbuch wird außerdem das Lernen der Organisation dem Legitimierung nach außen („wirken auf“) vorangestellt. Das Wirken auf eine Zielgruppe ist dort als weniger wichtig dargestellt als das Wirken für eine Zielgruppe.

    Und hier kommen meine Fragen, die ich auch in Deinem Artikel widergespiegelt sehe: Wenn PHINEO organisationales Lernen der Legitimierung vorzieht, wieso machen sie sich dann selbst zu einer Ratingagentur? Ist Rating nicht einfach nur bloße Legitimierung? Wird damit Legitimationsfassaden nicht Tür und Tor geöffnet? Wieso folgt PHINEO nicht seiner eigenen Aussagen, indem es Organisationen dabei unterstützt Wirkung wirklich effektiv und effizient zu verfolgen, statt „nur“ Transparenz zu predigen?

    Liebe Grüße aus dem mittelmäßig warmen Schweden,
    Micha

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