Das gute Helfen

von in Ansicht am 05.03.2014

Es gehört einiges an Wagemut dazu, Menschen einzuladen, um mit ihnen über Sinn, Unsinn und Wirksamkeit des eigenen Schaffens zu debattieren; insbesondere, wenn man doch selbst losgezogen ist, um anderen zu helfen.
Auf der zweiten Frankfurter Hilfe-Konferenz beyond aid lud ein ungewöhnliches Vierergespann aus Medico international, Rosa Luxemburg Stiftung, Heinrich Böll Stiftung und dem Institut für Sozialforschung dazu ein, diese Hilfe zu sezieren, sie penibel zu betrachten und neu zusammenzusetzen.

Die NGO Landschaft mit all ihren Akteuren ist in stetigem Wachstum und Wandel und oft genug damit beschäftigt, sich selbst zu erhalten, indem man das nächste kurzfristige Ziel erreicht. Ziele übrigens, die häufig Menschen betreffen, die nicht danach gefragt wurden. Diese Ziele wurden stattdessen aus Wohltätigkeit als gut befunden und festgesetzt. Umso tragischer, dass dahinter zum Großteil nur die besten Absichten stehen, ein besonders deutliches Beispiel also für den großen Unterschied zwischen gut und gut gemeint.

Schon in der Eröffnungssession am Freitag werden deutliche Worte dafür gefunden, was im Namen der Entwicklungshilfe vollzogen wird. Zu oft, so sind sich die ReferentInnen einig, wird vergessen, dass jede Gemeinschaft ein Recht auf eine „unplanned future“ hat, die meist durch als Hilfe verkleidete Anpassungsprojekte verbaut wird. Dass direkte Hilfe zwar nötig und sinnvoll ist, sie an sich aber noch nichts an Missständen und deren Strukturen ändert. Und dass aus auf die NGO Welt angewandte Instrumente wie der Zwang zu Messbarkeit und Effizienz unmöglich zu einer nachhaltigen Veränderung der Lage beitragen können, die durch ebendiese Strukturen erst global entstanden ist.

Aid as business (oder business as aid)

Als Beratung, die sich nicht nur in dieser NGO Landschaft bewegt, sondern sich selbst und ihre Partner im stetigen Wandel mit diesen Themen konfrontieren darf, stellt sich also auch die berechtigte Frage „Was heißt es für uns, wirklich langfristig und sinnvoll wirksam zu werden?“
In einem Alltag, der von schnellen Call to Actions, Fundraisingerwartungen und einem Effizienzdenken bestimmt wird, das dem der freien Wirtschaft in nichts nachsteht, eine gar nicht so einfach zu beantwortende Frage.

Zunächst muss uns bewusst sein, dass sich die Zahl der deutschen NGOs in den letzten Jahren vervierfacht hat, während das Spendenvolumen in etwa gleich geblieben ist. Dieser Wettkampf um Gelder sorgt für ein Konkurrenzdenken, das in unserer Welt scheinbar nur mit dem bekannten wirtschaftlichen Effizienzstreben beantwortet werden kann. Daraus ergeben sich viele unterschiedliche Entwicklungen, die jede für sich zumindest zu debattieren wäre.
Beispielsweise die von David McKoy vom People’s Health Movement erwähnte Entwicklung weg vom „Donor driven approach“ hin zum „Investor driven approach to delivery of aid“. Kooperationen mit der Wirtschaft sind Alltag der NGOs und oftmals der Grund für eine enorme Entpolitisierung von Hilfsprojekten.

„Don’t bother me with social questions, I’m busy saving lifes!“

So charakterisiert McKoy die Unfähigkeit, nach sozialen Ursachen und politischen Missständen in den Projektländern zu fragen und diese zu thematisieren. Stattdessen sind die Informationen, die der Spender bekommt, bloße Zahlen wie die vom Global Fund durch optimistische Schätzungen und problematische Vergleiche angegebenen 8,7 Mio gerettete Leben durch Medikamente gegen Aids, TB und Malaria.
Welche Geschichten hinter diesen Krankheiten stecken und wie vielschichtig die Ursachen dafür sind, wird nicht thematisiert. Anne Jung, Campaignerin bei medico, beschreibt die Betroffenen durch solche Zahlen als gesichtslos und unsichtbar – auch das eine starke Tendenz in heutigen Kampagnen und den zugehörigen Projekten. Die Wohltäter hingegen, Bono, Angelina Jolie und Co werden umso prominenter präsentiert.

Thomas Gebauer, Geschäftsführer von medico international, kritisiert in seiner Eröffnungsrede außerdem die kurzsichtigen Aufrufe zu mehr Eigenverantwortung der Betroffenen. Eigenverantwortung ist richtig und wichtig, so Gebauer, aber sie kann nur dann gelebt werden, wenn Chancen und Rechte dazu bestehen. Dass die Machtstrukturen eine Eigenverantwortung, wie wir sie kennen, meist gar nicht ermöglichen, wird allzu oft vergessen. Besonders beim Thema Mikrokredite wird den Menschen eine Realität aufgezwungen bzw. schön geredet, die nicht nur die Solidarität der Gemeinschaft aushebelt, sondern deren Hintergrund – nämlich eine hochproblematische Rechts- und Machtsituation – völlig außer Acht lässt. Schulden, so McKoy, sind nie Solidarität, sondern immer Machtinstrument.

All diese Prozesse sorgen dafür, dass die Menschen, denen die NGOs eigentlich helfen wollen, aus jeglichen Strukturen und Prozessen ausgeschlossen werden. Dabei bedeutet Solidarität, so Gebauer weiter, in erster Linie die Möglichkeit zur vollständigen Gegenseitigkeit. Alles andere ist Wohltätigkeit.

Und jetzt?

Wie kann man eine NGO Landschaft gestalten, die sich von diesen Strukturen abhebt und Mut dazu besitzt, einen eigenen Umgang mit Solidarität und Gegenseitigkeit zu finden?
Mit dem ausführlichen Input zu diesem Thema bilden sich für mich drei direkte Konsequenzen:

1. Mehr Bereitschaft zur Zusammenarbeit von NGOs
Wenn uns bewusst wird, dass Solidarität nicht nur in Form von Geld fließen kann, sondern die vielfältigen Expertisen aus der NGO Welt gemeinsam genutzt werden können, kann der enorme Wettbewerb dieser Branche stark abgefedert werden, der letzten Endes den Menschen schadet, die zu unterstützen das propagierte Ziel ist. Uneinigkeit und Diskussionen werden sich nicht verhindern lassen, führen aber womöglich zu mehr Verständnis und Mut.

Positivbeispiel hier: Allein schon die Zusammenarbeit von Rosa-Luxemburg-Stiftung und Heinrich-Böll-Stiftung zur Initiative dieser Konferenz.

2. Mut zu mehr Inhalt
Massentaugliche Protestbewegungen und niedrigschwellige Formen der Partizipation sind wichtig, um mehr Menschen ins Boot zu holen. Es gibt sie jetzt und es wird sie weiterhin geben.
Den Menschen aber, die wirklich hinter der Sache stehen und sich auch – mehr als wir uns oft bewusst sind – auf eine differenzierte politische Auseinandersetzung einlassen wollen, können und müssen wir wieder mehr zutrauen.
Das bedeutet: Strukturen aufzeigen und die echten Geschichten erzählen, ohne das Leitmotiv der Spende immer über allem schwebend zu betrachten.

3. Nachfragen
Es muss endlich möglich sein, die Betroffenen nicht nur in die Kampagnen einzubeziehen, sondern sie auch an der aktiven Gestaltung der Hilfe teilhaben zu lassen. In den Hilfsprozessen muss Selbstkritik und Rückkopplung zu Sozialisierung und Geschichte möglich und eingeplant sein. Und es muss in Kauf genommen werden, dass wirksame Solidarität kein leicht konsumierbares Produkt ist.

Ende Januar ist innerhalb des Wigwams eine Diskussion in Gang gesetzt worden, inwiefern wir als Kommmunikationsberatung nachhaltig wirksame Kampagnen gestalten oder sich diese nachhaltige Wirksamkeit nur auf die Sparte unserer Partner und Kunden bezieht, unsere Kampagnen selbst also nur „Kommunikation für die Guten“ sind.
Beyond aid hat mir ein Bild davon skizziert, was diese Wirksamkeit von Kampagnen bedeuten kann, was die Hürden sind und dass es für dieses Ziel mehr MitstreiterInnen gibt, als angenommen. Die Besucherzahlen (und übrigens auch der junge Altersdurchschnitt) der Konferenz machen Mut und ihre kritischen Denkanstöße im Berufsalltag einzupflanzen sollte Ziel nicht nur der NGOs, sondern auch ihrer Partner und Agenturen sein!

Es gehört einiges an Wagemut dazu, Menschen einzuladen, um mit ihnen über Sinn, Unsinn und Wirksamkeit des eigenen Schaffens zu debattieren. Noch  einiges mehr an Selbstlosigkeit, Ehrlichkeit und Solidarität brauchen wir allerdings, um diese Ziele und Hindernisse tatsächlich gemeinsam anzugehen.

Ziehen wir also los!

Alle Vorträge aus dem zentralen Festsaal der Konferenz sind auf dem Youtube-Kanal der Rosa-Luxemburg-Stiftung verfügbar!

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